Neue Studie: Logistik als Verkaufsargument für die chemische Industrie

Innovative Supply-Chain-Lösungen als Erfolgsfaktor und Wettbewerbsvorteil

Autor: Prof. Dr. Christian Kille I Lesezeit: 6 Minuten

16/03/2026

Welche Potenziale lassen sich mit innovativen Supply-Chain-Lösungen erschließen? Antworten gibt die aktuelle Studie „Logistik als Verkaufsargument für die chemische Industrie“.  Die Autoren Prof. Dr. Christian Kille und Dr. Andreas Backhaus analysieren in ihrer Arbeit die Neupositionierung der Logistik als Erfolgsfaktor und Wettbewerbsvorteil für Chemieunternehmen.

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Die Chemieindustrie steht vor grundlegenden Veränderungen. Geopolitische Fragmentierung, Energiewende, technologische Innovation und auch die Kreislaufwirtschaft prägen ein Umfeld, in dem traditionelle Wettbewerbsvorteile zunehmend verloren gehen. In diesem Kontext gewinnt die Logistik, die bislang oft nur als unterstützende Funktion betrachtet wurde, an strategischer Bedeutung.

Im Zuge einer Studie wurden 69 neue Logistikdienstleistungen untersucht, die Kunden von Chemieunternehmen einen deutlichen Mehrwert bieten können. Bei der Betrachtung dieser Dienstleistungen stand im Vordergrund, konkrete Potenziale der Logistik aufzuzeigen, damit Chemieunternehmen künftig nicht mehr allein über Produktspezifikationen oder Preise konkurrieren, sondern sich über Supply-Chain-Kompetenzen und einen konkreten Kunden-Dienstleistungs-Mehrwert am Markt differenzieren.

Logistik als Wettbewerbsvorteil in der chemischen Industrie

Die Frage „Können Sie liefern?“ ist heute längst überholt. In Zeiten dynamischer Veränderungen und zahlreicher Risiken entlang der Lieferketten wird stattdessen gefragt: „Haben Sie die Kompetenz, zuverlässig, transparent und nachhaltig zu liefern?“ Wenn ein Logistiker hier mit „ja“ antworten kann, hat er das Potenzial, seinen Kunden aus der Chemieindustrie einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.  

Im besten Fall kann die Logistik angesichts der aktuellen Herausforderungen der Chemieunternehmen nicht nur unterstützend wirken, sondern entscheidend dazu beitragen, diese zu bewältigen.

Denn die genannten Herausforderungen entstehen nicht isoliert, sondern sind unmittelbare Folgen der tiefgreifenden strukturellen Veränderungen, die die Chemieindustrie derzeit prägen. Acht in der Studie identifizierte Megatrends – von der Rohstoffsicherheit bis hin zu veränderten regulatorischen Anforderungen – beeinflussen die Logistikprozesse und wirken damit direkt auf die Leistungsfähigkeit der gesamten Supply Chain ein. Aus den Megatrends ergeben sich 21 konkrete Herausforderungen, denen sich Chemieunternehmen und ihre Logistikpartner stellen müssen. Sie lassen sich in acht Cluster einordnen: Kapazitätsverfügbarkeit, Nachhaltigkeit und regulatorische Compliance, Prozessqualität in Supply Chain und operativer Logistik, Preis- und Kostendruck, Netzwerktransparenz, Prognosegenauigkeit sowie Kundenservice. Wenn die Logistik genau an diesen Punkten ansetzt, entwickelt sie sich zunehmend vom reinen Kostenfaktor zu einem strategischen Differenzierungsmerkmal.

69

neue Logistikdienstleistungen wurden im Zuge der Studie untersucht, die Kunden von Chemieunternehmen einen deutlichen Mehrwert bieten können.

Im besten Fall kann die Logistik angesichts der aktuellen Herausforderungen der Chemieunternehmen nicht nur unterstützend wirken, sondern entscheidend dazu beitragen, diese zu bewältigen.  
Dr. Christian Kille, Professor für Handelslogistik und Operations Management an der Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt

Paradigmenwechsel durch Technologie-Fortschritt

Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordert einen Paradigmenwechsel. Technologien wie Künstliche Intelligenz, digitale Zwillinge und das Internet of Things eröffnen Möglichkeiten, die vor wenigen Jahren in diesem Maße noch nicht erreichbar waren. Auf Basis dieser neuen Potenziale und der wachsenden Herausforderungen haben sich die bereits erwähnten 69 Logistikdienstleistungen ergeben, von denen die relevantesten zehn Dienstleistungen tiefergehend bewertet werden, darunter Digitale Zwillinge, KI-gestützte Bedarfsprognosen und Real-Time-Visibility Plattformen.

Diese Innovationen dürfen nicht als isolierte Insellösungen verstanden werden, sondern sollten in Richtung eines integrierten Ökosystems entwickelt werden. Dadurch übernimmt die Logistik eine neue Rolle und etabliert sich als Vertriebsargument in der Chemieindustrie.

Aus dieser Aussage leiten sich sechs konkrete Handlungsempfehlungen ab, die Logistikverantwortliche in Chemieunternehmen, aber auch bei Logistikdienstleistern berücksichtigen sollten:

1. Kollaborative Planung implementieren: Integrierte Planungssysteme, die Chemieunternehmen, Kunden und Logistikdienstleister verbinden, sind die Grundlage für verbesserte Transportauslastung und Zuverlässigkeit. Die Investition in gemeinsame Plattformen zahlt sich nicht nur durch reduzierte Leerfahrten, optimierte Lagerbestände und höhere Liefertreue aus, sondern auch durch die Realisierung von Resilienz in den Lieferketten aufgrund gemeinsamer Abstimmung. Entscheidend ist dabei die Bereitschaft aller Beteiligten, relevante Daten zu teilen und einen kulturellen Wandel hinsichtlich der Zusammenarbeit zu etablieren.

2. Szenario-Planung systematisieren: Die Dynamik in einzelnen Märkten erfordert robuste Planungsgrundlagen – idealerweise auf Basis von verschiedenen Strategien. Der Erfahrungsschatz sowie die Daten von Logistikdienstleistern ermöglichen die Entwicklung von Szenarien, die unterschiedliche Zukunftsbilder auf einer breiten Basis an Input-Faktoren durchspielen. Dies schafft Handlungsfähigkeit auch in turbulenten Zeiten, da im Idealfall unterschiedliche Szenarien bereits simuliert oder vorbereitet wurden.

3. Supply-Chain-Transparenz schaffen: End-to-End-Visibilität ist mittlerweile zu einer Notwendigkeit geworden, um die zahlreichen Risiken entlang der Lieferketten einschätzen und gegebenenfalls auf sie reagieren zu können. So ist ein proaktives Anpassen nicht nur von Transportrouten, sondern insbesondere auch von Produktionsabläufen, möglich.

4. Kundenservice durch Fachexpertise stärken: Chemielogistik ist bekanntermaßen belegt mit zahlreichen Anforderungen, Regularien und Sicherheitsnotwendigkeiten. Die Einbettung von perfekt zugeschnittener Expertise in den Kundenservice beschleunigt Problemlösungen erheblich. Expertise-Zentren, die konkretes technisches, regulatorisches und logistisches Know-how für die Chemiesegmente bündeln, werden zum Differenzierungsmerkmal, um den Kunden bei jeglichen Herausforderungen entlang der Lieferkette zu unterstützen.

5. Regulatorische Compliance proaktiv managen: Die regulatorische Landschaft verändert sich kontinuierlich. Branchenspezifische Expertise zur Überwachung regulatorischer Änderungen und zur Angleichung an Compliance-Rahmenwerke ist komplex und aufwändig, aber unverzichtbar. Zukünftige Anforderungen sollten frühzeitig erkannt und rechtzeitig umgesetzt werden.

6. Nachhaltigkeitsziele operationalisieren: Ökonomie und Ökologie schließen sich in der Logistik nicht gegenseitig aus. Partnerschaften mit Logistikdienstleistern zur Evaluierung multimodaler Transport- und Lageroptionen erschließen CO2-arme Alternativen, die auch kostengünstiger sein können, wenn alle Einflussfaktoren berücksichtigt und angepasst werden können. Daraus sollen sich nachvollziehbare Nachhaltigkeitsaktivitäten und -ergebnisse ergeben, die Transparenz gegenüber Kunden und Investoren schaffen.

Gruppenbild bei der Vorstellung der Studie im März 2026 in Kempten (von links nach rechts): Stefan Schäfer (Lead Corporate Business Development Manager DACHSER Chem Logistics), Studienautor Dr. Andreas Backhaus, Michael Kriegel (Department Head DACHSER Chem Logistics), Johann-Peter Nickel (Geschäftsführer im Verband der Chemischen Industrie e. V.) sowie Prof. Dr. Christian Kille

Vom Kostenfaktor zum strategischen Enabler

Die grundsätzliche Herausforderung liegt weniger in der technologischen Umsetzung, sondern vielmehr in dem Wandel der Wahrnehmung von Logistik insgesamt bei Chemieunternehmen und deren Kunden und speziell beim Vertrieb. Die Logistik ist nicht mehr eine Kostenstelle, die bei Gesprächen mit Kunden als Notwendigkeit genannt wird, sondern ein strategischer Enabler für eine größere Wettbewerbsfähigkeit des Kunden.

Deshalb gilt: Die Logistikverantwortlichen beim Chemieunternehmen sowie die beauftragten Logistikdienstleister sollten sich deshalb eher als Architekten für die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Kunden des Chemieunternehmens sehen als nur als ein ausführendes Organ. Unternehmen, die Logistik als strategisches Instrument begreifen und systematisch ausbauen, werden sich konsequenterweise vom Wettbewerb abheben.

Prof. Dr. Christian Kille

Technische Hochschule
Würzburg-Schweinfurt

Prof. Dr. Christian Kille

Technische Hochschule
Würzburg-Schweinfurt

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