Allianz für Lebensmittelrettung – DACHSER und Tafel Deutschland e.V.
Autor: Matthias Rathmann I Lesezeit: 7 Minuten
08/05/2026
Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland nehmen regelmäßig die Angebote der Tafeln in Anspruch – Tendenz steigend. Doch während der Bedarf wächst, sinkt das Angebot an Lebensmitteln, die im Einzelhandel für die Abgabe an armutsbetroffene Menschen übrigbleibt. Mit vereinten Kräften erschließen deshalb Tafel Deutschland und DACHSER aktiv eine neue Quelle: die Hersteller von Lebensmitteln.
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Was kommt heute auf den Tisch? Die Zahl der von Armut betroffenen Menschen, die mit ihrem Haushaltsgeld kaum über die Runden kommen, steigt. Umso wichtiger sind Hilfsangebote wie das von Tafel Deutschland mit ihren Landesverbänden und Mitgliedstafeln. Rund 1,5 Millionen Menschen nehmen die Angebote der mehr als 970 Tafeln in Deutschland dankend an. Das Warenangebot an den Ausgabestellen kommt der steigenden Nachfrage jedoch kaum mehr hinterher. Einer der Hauptgründe: Bei Supermärkten, Lebensmitteleinzelhändlern und Bäckereien bleibt deutlich weniger unverkaufte Ware übrig als in der Vergangenheit. Sie können dank moderner Kassen- und Warensysteme immer bedarfsgerechter die Produkte bestellen, die beim Kunden im Einkaufskorb landen.
Das sinkende Warenaufkommen des Handels soll nun mit einer gezielten Ansprache der Lebensmittelhersteller aufgefangen werden. Diese haben aber oft große Abgabemengen und entsprechend hohe Logistikanforderungen. An dieser Stelle greift die Zusammenarbeit von Tafel Deutschland und DACHSER. Im März 2025 unterzeichneten die beiden Organisationen einen Kooperationsvertrag, der darauf abzielt, Hersteller und Großhändler für Lebensmittelspenden zu gewinnen. „Allianz für Lebensmittelrettung“ nennt sich die gemeinsame Mission von Tafel Deutschland und DACHSER. Bereits in der Corona-Zeit, als die Essens-Ausgabe bei den Tafeln erschwert war und sich die Situation für die armutsbetroffenen Menschen zuspitzte, initiierte Alfred Miller – der damalige Leiter der Lebensmittellogistik von DACHSER, der heute Tafel Deutschland ehrenamtlich mit seiner Logistik-Expertise berät und unterstützt – eine enge Zusammenarbeit auf überregionaler Ebene. Zuvor gab es zwar bereits Kooperationen zwischen einzelnen DACHSER Niederlassungen und regionalen Tafeln, aber kein gesamtheitliches, übergreifendes Partnerschaftskonzept.

DACHSER bringt seine Logistik-Kompetenz ins Netzwerk ein
DACHSER Food Logistics gehört zu den wichtigsten Playern für temperaturgeführte Lebensmitteltransporte in Deutschland. Der Logistikdienstleister zählt sowohl den Lebensmittelhandel, der die Tafel-Organisationen seit Jahr und Tag mit Spenden unterstützt, als auch die Lebensmittelhersteller zu seinen Kunden. Eine Aufgabe der DACHSER Niederlassungen im Zusammenhang mit der Kooperation: gezielt die Hersteller auf mögliche Lebensmittelspenden anzusprechen und sie mit den Tafel-Landesverbänden zusammenzubringen.
Worin liegen die wesentlichen Vorteile der Kooperation? „Die Tafeln müssen keine Spenden mehr aus logistischen Gründen ablehnen. Dank unseres Logistik-Netzwerks sind wir in der Lage, alle Mengen anzunehmen und in unserem System in bewährter Qualität abzuwickeln – ob es nun eine Palette oder mehrere hundert Paletten sind“, erläutert Stefan Behrendt, Managing Director DACHSER Food Logistics. Die lokalen Tafeln verfügen häufig zwar über eigene Fahrzeuge, um Ware beim Einzelhändler abzuholen. Doch bei größeren Mengen stoßen sie an ihre Grenzen. „Nun kann DACHSER für die Abholung und Zustellung sorgen – an die Logistikstandorte eines Tafel-Landesverbands, an andere Landesverbände in Deutschland oder sogar bis zur lokalen Ausgabestelle“, erläutert Markus Belter, Department Head Sales Development bei DACHSER Food Logistics, der als Projektleiter die Zusammenarbeit mit den Tafeln koordiniert und vorantreibt.
Lebensmittel retten, Menschen helfen – so lauten der Leitspruch und Antrieb der Tafeln in Deutschland. Rund 77.000 überwiegend ehrenamtliche Helferinnen und Helfer engagieren sich in dem Netzwerk, das über 13 Landesverbände in ganz Deutschland abdeckt. Auf Ortsebene bieten mehr als 970 rechtlich eigenständige Tafeln weitere Angebote für armutsbetroffene Menschen an. Sie unterstützen regelmäßig rund 1,5 Millionen Menschen mit Lebensmitteln, von denen rund die Hälfte Kinder und Rentner ausmachen. Pro Jahr retten die Helferinnen und Helfer nach eigenen Angaben rund 265.000 Tonnen Lebensmittel.
Die Tafeln müssen keine Spenden mehr ablehnen. Dank unseres Logistik-Netzwerks sind wir in der Lage, alle Mengen anzunehmen und in unserem System zur bewährten DACHSER Qualität abzuwickeln – ob es nun eine Palette oder mehrere hundert Paletten sind.
Alle Tafel-Landesverbände machen bei der Allianz für Lebensmittelrettung mit
Begonnen hatte die neue Kooperation mit dem Tafel-Landesverband in Hessen. Schritt für Schritt kamen in den vergangenen Monaten die anderen der insgesamt 13 Landesverbände hinzu. Baden-Württemberg bildete in diesem März den Abschluss. Die Landesverbände sind der Dreh- und Angelpunkt für die Abwicklung der Spenden. In Vorbereitung auf das Projekt haben sie ihre internen Strukturen angepasst und die personellen Ressourcen im Bereich Logistik und Akquise deutlich verstärkt. Sowohl für die operative Spendenabwicklung aber auch für die Spenderbetreuung wurden verantwortliche Personen und Stellvertreter benannt, die der Lebensmittelindustrie als zentrale Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Andreas Steppuhn, Vorsitzender der Tafel Deutschland, betont die Vorteile dieser Struktur: „Die Allianz für Lebensmittelrettung bedeutet für uns, dass wir neben der langjährigen Zusammenarbeit mit dem Lebensmitteleinzelhandel nun auch leistungsfähige Strukturen in der Lebensmittelverarbeitung aufbauen können. Mit DACHSER haben wir einen starken Partner an unserer Seite. Unsere Vision ist klar: weniger Verluste, mehr Unterstützung, starke Partnerschaften.“ Der Tafel Deutschland-Vorsitzende freut sich auch über die Unterstützung aus der Politik. Alois Rainer, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft (CSU), übernahm die Schirmherrschaft der Allianz. „Damit setzt er ein wichtiges Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung und für mehr Solidarität“, betont Andreas Steppuhn.
Beide Seiten setzen auf digitale Prozesse: Die Tafeln können alle Transport- und Sendungsdaten dank der IT-Lösung TafelConnect an DACHSER Food Logistics übermitteln. Über diese Plattform werden die Spenden auch den Tafeln gemeldet. Sind die Lebensmittelspenden im System, gelten feste Laufzeiten von 24 und 48 Stunden, wie auch für die anderen Sendungen im Netzwerk. Im DACHSER System ist jedes Tafellager wie ein typischer Handelsempfänger angelegt. Im vergangenen Jahr organisierte der Logistikdienstleister bereits über 600 Transporte an überregionalen Lebensmittelspenden. „Das ist erst der Anfang, denn mit jeder Aufschaltung von weiteren Tafel- Landesverbänden kommen mehr Sendungen hinzu“, berichtet Projektleiter Markus Belter.
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Landesverbände der Tafel decken das gesamte Bundesgebiet ab, um armutsbetroffene Menschen zu unterstützen.

Die Allianz für Lebensmittelrettung bedeutet für uns, dass wir neben der langjährigen Zusammenarbeit mit dem Lebensmitteleinzelhandel nun auch leistungsfähige Strukturen in der Lebensmittelverarbeitung aufbauen können. Mit DACHSER haben wir einen starken Partner an unserer Seite.
Empfehlung an die Hersteller: Vorlauf einplanen, Überschüsse rechtzeitig steuern
Er empfiehlt den Produzenten, frühzeitig die Logistik der überschüssigen Ware zu planen. „Die Tafel-Organisationen benötigen von der Spendenannahme bis zur Ausgabe in den einzelnen Tafeln bis zu zwei Wochen“, erläutert Markus Belter. Das mag nach einem langen Zeitraum klingen, bewerkstelligt DACHSER die Logistik innerhalb Deutschlands doch innerhalb von 24 oder 48 Stunden. Doch die Tafel-Ausgabestellen haben in der Regel nicht jeden Tag geöffnet. Hinzu kommt, dass die Tafeln und DACHSER ein zweistufiges Logistikkonzept entwickelt haben, um die Transportkosten auf Herstellerseite zu minimieren. Im Idealfall liefert der Spender die Ware „frei Haus“ an die Tafel-Logistikzentren. Von dort aus erfolgt dann die Verteilung an die angeschlossenen Tafeln in Eigenregie des jeweiligen Tafel Landesverbandes.
Für DACHSER ist die Kooperation mit der Tafel Deutschland ein weiterer Ausdruck von sozialer Verantwortung. Die anfallenden Transporte im Auftrag der Tafel werden zum Selbstkostenpreis abgewickelt. „Die Kooperation ist eine echte Win-Win-Situation. Die Tafel-Organisationen erschließen sich mit der Ansprache der Produzenten eine neue wichtige Quelle für Lebensmittel. Auch die Hersteller profitieren. DACHSER ermöglicht es ihnen, überschüssige Mengen zu bewährter Logistikqualität ohne gesonderten Aufwand in der Abwicklung einem guten Zweck zuzuführen“, betont Stefan Behrendt. Das Retten von Lebensmitteln trägt auch dem Nachhaltigkeitsgedanken Rechnung. Ein beträchtlicher Teil des CO2-Fußabdrucks der Industrienationen geht auf das Konto von weggeworfenen Lebensmitteln. Schätzungen zufolge landet rund ein Drittel der produzierten Nahrung im Müll. Auch den Vereinten Nationen ist dies ein Dorn im Auge. Sie wollen die weltweite Lebensmittelverschwendung bis 2030 halbieren. Die Kooperation von DACHSER und den Tafeln leistet hierzu einen Beitrag, damit noch gute Lebensmittel nicht entsorgt werden, sondern bei armutsbetroffenen Menschen auf dem Teller landen.






