E-Mobilität: vom Praxistest zur Blaupause
Autor: Marcus Schick I Lesezeit: 7 Minuten
16/04/2026
DACHSER zählt in Europa zu den Impulsgebern der E-Mobilität in der Logistik. In drei ausgewiesenen E-Mobility-Sites – in Freiburg, Malsch bei Karlsruhe und Hamburg – hat der Logistikdienstleister über drei Jahre nicht-fossile Antriebstechnologien und deren Anforderungen an die Ladeinfrastruktur erforscht. Einblicke in ein wegweisendes Zukunftsprojekt bei einem Besuch in Hamburg.
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Wenn man sich der Hamburger DACHSER European Logistics Niederlassung von Süden her nähert, fällt er schnell ins Auge: ein neuer, großzügig angelegter Ladepark, mit ideal ausgelegten Parkbuchten für E-Lkw, die an 30 individuell steuerbaren Ladepunkten rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, mit Strom versorgt werden können. „DACHSER betreibt seit einigen Monaten einen der größten Lkw-Ladeparks Hamburgs“, freut sich Christoph Kellermann, Operations Manager European Logistics im DACHSER Logistikzentrum Hamburg. Doch beim Weg dahin war wie so oft beim Thema Elektromobilität, einiges an Pionierarbeit zu leisten.
Es musste zunächst eine Fläche gefunden werden, auf der möglichst viele Fahrzeuge gleichzeitig laden können, ohne den laufenden Speditionsbetrieb zu beeinträchtigen. Nach intensiver Prüfung fiel die Entscheidung schließlich auf die Lkw-Wartezone direkt vor der Niederlassung. Gleichzeitig musste die optimale Anordnung der Ladesäulen gefunden werden, damit reibungsloses Laden für kompakte, aber auch schwere E-Lkw möglich ist. „Wichtig war es, dass alles gut zu unseren operativen Abläufen passt. Zudem haben wir uns die Möglichkeit der Erweiterung offengelassen“, ergänzt Christoph Kellermann.
Der Ladepark ist ein weiterer Meilenstein in Sachen Elektromobilität bei DACHSER. Mit wegweisenden Entwicklungsschritten hat DACHSER Hamburg als einer von drei E-Mobility Sites im Netzwerk bereits Erfahrung. So nahm hier Anfang 2025 mit dem Volvo FL Electric der hundertste Elektro-Lkw bei DACHSER mit einem Gesamtgewicht größer als 3,5 Tonnen den Betrieb auf. „Im Rahmen unserer langfristigen Klimaschutzstrategie mit Fokus auf Effizienz, Innovation und integrative Verantwortung war es uns wichtig, frühzeitig Praxiserfahrungen mit emissionsfreien Fahrzeugen zu machen“, sagte Alexander Tonn, COO Road Logistics bei DACHSER, anlässlich der feierlichen Fahrzeugübergabe. „Dennoch haben wir noch einen weiten Weg zu gehen, um die E-Mobilität auch wirtschaftlich zu gestalten“.

Antriebsforschung trifft auf speditionellen Alltag
Beim Start mit den ersten batterieelektrischen Schwerlastfahrzeugen in der Hansestadt war noch Pionierarbeit zu leisten. „Wir mussten uns erst einmal das notwendige technologische und physikalische Know-how aneignen, um die Möglichkeiten und Begrenzungen der E-Mobilität in der Logistik zu verstehen“, berichtet Ralf Hansen, General Manager des DACHSER Logistikzentrums Hamburg. Die ersten Fahrzeuge hätten noch einige „Kinderkrankheiten“ mitgebracht, die immer wieder zu längeren Werkstatt- und Ausfallzeiten führten – „ein ‚No go‘ im getakteten Lieferverkehr.“
Umso mehr sah sich DACHSER veranlasst, das Thema E-Mobilität ganzheitlich anzugehen und grundlegend zu erforschen. 2022 hatte das Unternehmen daher begonnen, seine Niederlassungen in Freiburg, Hamburg und Malsch bei Karlsruhe zu „E-Mobility-Sites“ zu entwickeln und dort schwerpunktmäßig emissionsarme Technologien und Abläufe sowie das intelligente Strom- und Lastmanagement zu erforschen und auf Praxistauglichkeit zu testen. Über alle drei Standorte hinweg baute DACHSER die Netzanschluss- und Transformatorleistungen massiv aus – verfünffachte sie insgesamt. Konkret: Der Hamburger European Logistics Standort wurde von 630 auf 1.500 Kilovoltampere (kVA) und der separat gelegene Food Logistics Standort von 1.000 auf 1.500 kVA erweitert; Freiburg und Karlsruhe jeweils auf 2.500 kVA (von zuvor 630 kVA). Parallel dazu wurden Schnellladekonzepte mit bis zu 400 kW DC-Leistung aufgebaut, ebenso Lastmanagement- und Abrechnungssysteme in Kombination mit Photovoltaikanlagen und auch einem Batteriespeicher.
Seit 2022 hat DACHSER in drei E-Mobility-Sites unterschiedliche Aspekte der E-Mobilität in der Logistik erforscht. Wie geht es mit dem Projekt weiter? Nachgefragt bei Stefan Hohm, Chief Development Officer bei DACHSER.
Wichtig war es, dass alles gut zu unseren operativen Abläufen passt. Zudem haben wir uns die Möglichkeit der Erweiterung offengelassen.

Steile Lernkurve
Mit solchen physikalischen Leistungsgrößen musste sich das Team von Christoph Kellermann erst einmal vertraut machen. „Wir haben uns Schritt für Schritt für die E-Mobilität ‚elektrisiert‘ und so unseren fachlichen Blick in einer steilen Lernkurve geschärft“, berichtet Kellermann. „Als die ersten größeren E-Lkw im Jahr 2023 bei uns in Hamburg ankamen, hatten wir anfangs nur zwei Ladesäulen mit vier Ladepunkten mit 180 kW-Leistung. Wenn eine Ladesäule ausfiel, konnten wir am nächsten Tag nicht fahren.“ Solche Engpässe gibt es dank dem neuen Ladepark heute nicht mehr.
Ein zentrales Erprobungsthema der DACHSER E-Mobility-Sites sind die Themen Stromversorgung und Lastenmanagement. „Wir brauchen genügend elektrische Leistung, damit bei uns und in der Nachbarschaft nicht die Lichter ausgehen, wenn irgendwann 150 Lkw am Tag und nachts 70 Lkw zur fast gleichen Zeit laden müssen“, sagt Christoph Kellermann. Derzeit gebe es im Gewerbegebiet am Moorfleet-Graben eine Ringleitung, an die alle Unternehmen angeschlossen seien.
Wir wollen bei DACHSER mit gutem Beispiel vorangehen und unseren Partnern Wege zur Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit aufzeigen.
Fahrernachwuchs über Fahrerlebnis gewinnen
Neben solchen technisch-physikalischen Themen beschäftigt Dachser wie auch die gesamte Branche immer dringlicher das Thema Fahrermangel – und welche Rolle dabei die E-Mobilität spielen kann.„Viele alteingesessene Fahrer trauen der Entwicklung nicht, sind skeptisch und haben Angst, mit leerem Akku nicht an ihr Ziel zu kommen“, weiß Fuhrparkleiter Daniel Lewandowski. Der Fahrernachwuchs sei da aufgeschlossener. „Seit 2019 haben bei uns über 50 Berufskraftfahrer-Azubis gelernt. Aktuell bilden wir 16 angehende Berufskraftfahrer aus. Und hier kommen E-Lkw sehr gut an. Der Nachwuchs weiß vor allem das entspannte, leise und vibrationsarme Fahren sowie die hohe Fahrdynamik zu schätzen. Da ist richtig Power im Spiel. Wer einmal elektrisch gefahren ist, kommt schnell auf den Geschmack.“ Der Haken dabei: Von den 40 Fuhrunternehmern und Servicepartnern, mit denen DACHSER in Hamburg zusammenarbeitet, bilde derzeit keiner Berufskraftfahrer aus. Auch E-Lkw sind dort so gut wie nicht vertreten. „Mit etwa 270.000 Euro ist die Eingangsinvestition in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten für die allermeisten zu hoch. Und bei einem Diesel muss man auch keine eigene Tankstelle dazukaufen“, sagt Hamburgs General Manager Ralf Hansen. „Hier wollen wir bei DACHSER mit gutem Beispiel vorangehen und unseren Partnern Wege zur Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit aufzeigen.“
In der langjährigen Praxiserprobung der E-Mobilität, berichtet Fuhrparkleiter Daniel Lewandowski, habe sich eine deutliche Entwicklung nach vorne gezeigt: „Noch vor einigen Jahren mussten die E-Lkw oft in die Werkstatt. Für Reparaturen braucht es aber entsprechend qualifizierte Hochvolt-Techniker, die anfangs nur sehr begrenzt zu Verfügung standen. War der Spezialist krank oder im Urlaub, stand das Fahrzeug. Stillstand kann sich aber keiner in der Transportbranche leisten. Gut, dass sich der Werkstattservice heute deutlich verbessert hat.“ Speziell die E-Lkw für die Verteilerverkehre erwiesen sich im speditionellen Alltag mittlerweile als technologisch sehr ausgereift. „Die Hersteller setzen aktuell gerade mehr und mehr auf Fernverkehrs-Lkw wie Sattelzugmaschinen oder Wechselbrückenfahrzeuge, die auch viel Mautersparnis bringen“, stellt Christoph Kellermann fest. „Hoffentlich bleiben bei der weiteren Fahrzeugentwicklung dann nicht die elektrischen Verteilerverkehre unter 18 Tonnen irgendwann auf der Strecke. Denn Mauteinsparungen lassen sich aufgrund der wenigen Autobahnkilometer hier bei der Investition nicht gegenrechnen.“
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Berufskraftfahrer-Azubis haben seit 2019 bei DACHSER Hamburg gelernt.
Im Rahmen unserer langfristigen Klimaschutzstrategie mit Fokus auf Effizienz, Innovation und integrative Verantwortung war es uns wichtig, frühzeitig Praxiserfahrungen mit emissionsfreien Fahrzeugen zu machen.
Von der Forschung in den Logistikalltag
Nach Abschluss des Projekts DACHSER E-Mobility Sites sind einige wichtige Erkenntnisse gewonnen worden, aber auch weiterhin viele Fragen offen. Derzeit sind die Teams der DACHSER E-Mobility-Sites dabei, all die über drei Jahre gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen zusammenzutragen für die Erstellung eines „Blueprint“ für das DACHSER Netzwerk. In Hamburg fügt das Projektteam nun alle Mosaiksteine des Projekts am Standort zusammen. Schon jetzt steht für Christoph Kellermann fest: „E-Mobilität ist in der Logistik angekommen und auch nicht mehr wegzudenken. Auch wenn der Weg zur emissionsfreien Transportlogistik noch weit ist, die E-Mobility-Sites haben ihn mit vorgezeichnet. Für DACHSER, aber sicher auch für andere Markteilnehmende.“ Nun komme es darauf an, aus der so gewonnenen ganzheitlichen Perspektive bodenständige Lösungen für den Logistikalltag zu entwickeln.






