Stückgutmarkt in Europa: Resilienz entsteht im Netzwerk

Zwischen Kostendruck, Fahrermangel und Volatilität: Was den europäischen Stückgutmarkt jetzt prägt. Ein Beitrag von Alexander Tonn, COO Road Logistics bei DACHSER.

Autor: Alexander Tonn I Lesezeit: 7 Minuten

18/06/2026

Die Schlagzeilen der vergangenen Monate zum Stückgutmarkt zeichnen ein klares Bild: sinkende Mengen, steigender Preis- und Kostendruck. Gleichzeitig fordern Industrie und Handel verlässliche Logistikpartnerschaften wie selten zuvor. Die europäische Stückgutlogistik steht damit an einem Wendepunkt. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, wie sich kurzfristige Schwankungen abfedern lassen – sondern wie sich das System grundsätzlich resilienter aufstellen lässt.

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„Stark sinkende Mengen“, „Warten auf den Aufschwung“, „Industrie und Handel fordern verlässliche Logistikpartnerschaften“: Die Schlagzeilen aus der Logistikfachpresse sprechen eine deutliche Sprache: Der europäische Stückgutmarkt steckt in einem tiefen Wandel.

Stückgutnetze sind in hohem Maße fixkostengetrieben. Umschlaganlagen, IT-Systeme, Personal und Infrastruktur müssen vorgehalten werden – unabhängig von der Auslastung. Sinkende Volumina führen deshalb nicht automatisch zu sinkenden Kosten. Im Gegenteil: Sie erhöhen den relativen Kostendruck.

Der Volumenrückgang und die seit 2023 signifikant gesunkene Profitabilität haben bei vielen Logistikdienstleistern zu einem Kapazitätsabbau geführt. Das Problem: Einmal reduzierte Strukturen lassen sich bei wieder anziehender Nachfrage nur schwer wieder aufbauen.

Vor diesem Hintergrund wird Kapazität im Stückgutmarkt zum strategischen Faktor. Gleichzeitig ist absehbar, dass Preise langfristig steigen müssen. Denn nur Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und Nachhaltigkeit werden weiterhin Effizienz und Resilienz von Lieferketten und Logistiknetzwerken ermöglichen.

Alexander Tonn, COO Road Logstics, im Gespräch
Alexander Tonn, COO Road Logistics bei DACHSER

Volatilität im Stückgutmarkt wird zur neuen Normalität

Was heißt dies für den Stückgutmarkt? Schwankende Sendungsmengen, saisonale Peaks und kurzfristige Nachfrageveränderungen erfordern mehr denn je flexible Netzwerkstrukturen und eine hohe Reaktionsfähigkeit. Gleichzeitig wächst die Bedeutung vorausschauender Planung. Denn wer frühzeitig Transparenz über Volumenentwicklungen schafft, kann Kapazitäten gezielter steuern und Engpässe vermeiden. Parallel zur Kostenentwicklung verändert sich auch die Struktur der Nachfrage. Kunden erwarten heute zunehmend integrierte End-to-End-Logistiklösungen im Stückgut- und Sammelgutverkehr. Das bloße Funktionieren physischer Liefer- und Transportketten reicht nicht mehr aus. Entscheidend sind heute nahtlose Supply Chains, die Transport, Warehousing und Value-added Services effizient verbinden.

Diese Integration gewinnt insbesondere im internationalen Kontext an Bedeutung – etwa bei Warenströmen von Asien nach Europa. Hier entscheidet nicht mehr allein die Leistung einzelner Segmente, wie etwa die Containerüberstellung von A nach B. Vielmehr wird die Qualität des Gesamtsystems, also beispielsweise das nahtlose Ineinandergreifen von Air & Sea Logistics und Road Logistics, zur Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit.

Kapazität wird im Stückgutmarkt zum strategischen Faktor.
Alexander Tonn, COO Road Logistics bei DACHSER

Servicepartner als Rückgrat leistungsfähiger Stückgutnetzwerke

Ein entscheidender Erfolgsfaktor in Europas größtem Stückgutnetzwerk sind bei Dachser die Servicepartner, allen voran die selbstständigen Transportunternehmen, die im Landverkehrsnetzwerk von Dachser einen Großteil der operativen Transportleistung erbringen.

In krisenhaften Zeiten und bei schwächelnder Konjunktur stehen gerade kleine und mittlere Transportunternehmen unter erheblichem Druck. Steigende Kraftstoffpreise, wie zuletzt in Folge der Militärschläge im Mittleren Osten, bekommen sie unmittelbar an der Tankstelle zu spüren. In seiner „Mittelposition“ unterstützt Dachser seine Transportpartner in dieser Situation mit einer fairen und raschen Bezahlung. Zum großen Teil ist mit ihnen ein sogenannter Treibstoffkosten-„Floater“ vereinbart – was bei entsprechender vertraglicher Regelung eine Weitergabe der Mehrkosten direkt an die Kunden erlaubt.

Vertrauen schaffen durch faire Rahmenbedingungen

Dachser baut auf langfristige, verlässliche Beziehungen mit den Servicepartnern mit dem Ziel, die Herausforderungen und Veränderungen des Marktes gemeinsam und auf Augenhöhe zu bewältigen. Modelle wie die Dachser Servicepartner Initiative zeigen beispielhaft, wie faire Rahmenbedingungen und verbesserte Arbeitsbedingungen für Fahrerinnen und Fahrer das gegenseitige Vertrauen stärken. Dazu gehört auch der konstruktive Umgang mit einem akuten strukturellen Engpass, der für die Resilienz von Lieferketten essenziell ist. Heute fehlen laut dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) in Deutschland bereits mehr als 70.000 Fahrer. Tendenz steigend. Im europäischen Ausland ist die Situation vergleichbar, so dass auch ausländische Fahrer nur begrenzt zur Entspannung beitragen können. 73 % aller Unternehmen im Straßenverkehr melden einen Fahrermangel. 35 bis 40 % aller Fahrer sind älter als 55 Jahre, aber nur 3 bis 5 % aller Berufskraftfahrer sind jünger als 25 Jahre.Kapazität am Stückgutmarkt wird damit zunehmend auch zur Frage der Personalverfügbarkeit.

Als eines der ersten Logistik-Unternehmen hatte sich Dachser schon 2014 dieser Herausforderung gestellt und mit der Gründung der DACHSER Driver and Truck Fleet Services GmbH (DTS GmbH) eine eigene Qualifizierungsoffensive gestartet. Das Ziel: Junge Menschen für den Fahrerberuf gewinnen, sie begeistern, ausbilden und langfristig – vielleicht später als selbstständige Transportunternehmer – für den Markt sichern.

Lagermitarbeiter ordnet Kartons ein
Effiziente Abläufe im Umschlag mit modernen Technologien wie dem digitalen Zwilling @ILO

Effizienz in der Stückgutlogistik entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit

Neben der Personalverfügbarkeit zeigt ein Blick auf die Kostenstruktur, wo noch große Hebel liegen: Rund 85 Prozent der Kosten in der Stückgutlogistik entstehen in den operativen Kernprozessen. Das größte Potenzial für Effizienzsteigerungen liegt in der „Industrialisierung der Abwicklung“, um so eine hohe Auslastung der vorhandenen Kapazitäten, standardisierte Prozesse sowie einen gezielten Einsatz von Technologie zu erreichen.

Digitale Lösungen in der Logistik wie KI-gestützte Prognosesysteme und Umschlagprozesse ermöglichen es heute, Volumenströme präziser zu planen und Ressourcen effizienter einzusetzen. Bei Dachser liefern Prognosetools wie PAnDa One beispielsweise belastbare Vorhersagen für Sendungsmengen und unterstützen die operative Planung auch in hochvolatilen Umfeldern. Im mehrfach preisgekrönten @ILO Terminal von Dachser werden Packstücke im Umschlaglager beim Eintritt, Aufenthalt und Verlassen vollautomatisch identifiziert, lokalisiert, vermessen und im Transportmanagementsystem erfasst. Manuelle Scanvorgänge von Barcodes und das zusätzliche Beschriften der Packstücke entfallen. Das spart Prozesszeiten und trägt dazu bei, die Abläufe im Umschlag effizienter zu machen.  

Nachhaltigkeit verändert das Geschäftsmodell

Zu einer erfolgreichen Steuerung von Lieferketten in integrierten Stückgutnetzwerken gehören auch gestiegene Anforderungen im Bereich Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Den Rahmen setzen dabei international verabschiedete Klimaziele und die dazugehörige Regulatorik, aber auch die Erwartungen und Festlegungen der Kunden und der Logistikdienstleister selbst an den Klimaschutz. In der Praxis heißt dies: Leerfahrten vermeiden, Auslastung optimieren und Ressourcen gezielt einsetzen. Darüber hinaus sind Investitionen in alternative Antriebe, Energieeffizienz und emissionsarme Transportlösungen notwendig. Diese wirken sich wiederum unmittelbar auf die Kostenstruktur aus.

DACHSER Stückgut-Logistik: Wechselbrücken an Rampe verdeutlichen Netzwerkstruktur und Kapazitätsanforderungen
DACHSER investiert umfassend sein Stückgutnetzwerk, um die Qualität hoch zu halten.
Resilienz von Lieferketten in der Stückgutlogistik ist keine Einzelleistung – sie ist das Ergebnis eines funktionierenden Systems und funktionierender Partnerschaften auf Augenhöhe.
Alexander Tonn

Netzwerkqualität wird zum Differenzierungsmerkmal

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Ressourcen wie Lager, Fahrer, Equipment, etc. und die damit eingeforderte (Netzwerk-)Qualität müssen langfristig geplant, Vorhaltekosten gemeinsam von allen Beteiligten in der Lieferkette geschultert werden. Standards im Equipment und Infrastruktur, transparente IT- und Abrechnungssysteme, eine hohe Synchronisation zwischen den Netzwerkpartnern sowie eine Erhöhung der Auslastung und Produktivität entlang der gesamten Supply Chain sind entscheidend. Qualität entsteht nicht punktuell, sondern entlang aller Logistikprozesse. Fest steht: Nur Netzwerke mit langfristig ausgerichteten Investitionen in Infrastruktur und IT werden den Marktherausforderungen in der Stückgutlogistik erfolgreich begegnen und ihre Performance nachhaltig sichern.

Die Antwort darauf liegt in einem ganzheitlichen Ansatz: in der Integration von End-to-End-Logistiklösungen, in der konsequenten Effizienzsteigerung der Kernprozesse und in starken, partnerschaftlichen Netzwerken. Oder anders formuliert: Resilienz von Lieferketten in der Stückgutlogistik ist keine Einzelleistung – sie ist das Ergebnis eines funktionierenden Systems und funktionierender Partnerschaften auf Augenhöhe.


Hören Sie rein: In der siebten Ausgabe des DACHSER Podcasts Network Talk sprechen wir mit Alexander Tonn über das aktuelle und künftige Wachstum des europäischen Road Logistics Netzwerks und den Beitrag von Post-Merger-Integrationsprojekten für die langfristige Entwicklung des Unternehmens.

Alexander Tonn

COO Road Logistics bei DACHSER

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